Spin Deutschland | 1 Was ist VHT
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VHT: Visuell – erfolgreich – erfahren!

Die videobasierte Beratung nach der SPIN – Methode wurde Mitte der 1980er Jahre in den Niederlanden als „videohometraining“ von der Stiftung SPIN für die Beratung von Familien entwickelt. Seit 1996 ist SPIN-DGVB e.V. (ehemals SPIN Deutschland e.V.) Lizenzhalter für Deutschland. 2017 wurde aus „Video-Home-Training®“ der Name „VHT“, um den fachlichen Weiterentwicklungen und der Erweiterung des Klientenkreises Rechnung zu tragen.

Was ist der zentrale Ansatz von VHT?

VHT vollzieht in der Beratung einen doppelten Paradigmenwechsel:
Die Abkehr von der Problem – und die Hinwendung zur Ressourcen- und Lösungsorientierung (positiver Ansatz) und die Verwendung von Videoaufnahmen eher als Zukunftsmodell denn als Spiegelung von Verhalten.

Es wird davon ausgegangen, dass Probleme in der Zusammenarbeit bzw.in der Erziehung ihre Ursache in dysfunktionaler Kommunikation und Interaktion haben und mit dem Aufbau gelungener Muster der Kommunikation positiv beeinflusst werden können.

Ausgehend von einem differenziert und strukturiert erarbeiteten Auftrag (Fragestellung) sowie bildorientierter Prozessplanung wird mit Videobildern der Echtsituation des Klienten als Grundlage des Beratungsprozesses gearbeitet. Diese werden vor Ort aufgenommen.

Die Analyse der Videosequenzen orientiert sich an den Mustern und Elementen der “Basiskommunikation“, dem universalen Muster gelungener menschlicher Kommunikation, das durch Videoaufnahmen operationalisierbar wird.

Videosequenzen werden im Sinne der Zielorientierung so zusammengestellt und präsentiert, dass sie eine mögliche Antwort auf die Fragestellung beinhalten:

In der Rückschau mit den Klienten wird nicht problemvertiefend, sondern ausschließlich verstehend, wertschätzend und lösungsorientiert vorgegangen, d.h. es wird mit einem konsequent positiven Ansatz gearbeitet.. Dazu wird das gesamte System mit seinen Wechselwirkungen in den Blick genommen.

Wie wird konkret mit VHT gearbeitet?

In der Praxis wird nach der Formulierung der Fragestellung eine kurze Videoaufnahme (ca. 10 bzw. 5×2 Minuten) in einer angenehmen alltäglichen Situation gemacht.

Diese werden von der VHT-Fachkraft auf gelungene Momente untersucht.

Ca. 1 Woche später werden sie in der Rückschau mit den Klienten an einer Auswahl der gelungenen Momente erarbeitet. Dazu werden Zeitlupe, Standbilder und Bild-für-Bild-Analyse eingesetzt, durch die sie wertschätzend und mit aktivierenden Fragen geleitet werden. Sie werden darin unterstützt, ihre Lösungen am Bild selbständig zu erkennen. Es gilt der Grundsatz „Aktivieren statt Kompensieren“.

Wie lange dauert ein Beratungsprozess mit VHT?

Ein VHT umfasst ein Erstgespräch mit Erarbeitung der Fragestellung, Arbeitseinheiten von Aufnahme und Rückschau sowie eine abschließende Auswertungssitzung.
Ein VHT kann beendet werden, wenn von Seiten der Klienten festgestellt wird, dass die Fragestellung beantwortet ist und die funktionalen Muster auf den Aufnahmen über Minuten stabil sichtbar sind.

Bei welchen Problemlösungen kann VHT helfen?

VHT stärkt die Erziehungs- und Kommunikations- und Interaktionskompetenz.
Die Abstimmung der Beteiligten aufeinander (Synchronisation) macht ein konstruktives Miteinander möglich.

Eltern entdecken ihre Fähigkeiten, ein angenehmes Familienleben zu gestalten und Konflikte gelassen anzugehen. Fach- und Führungskräfte schauen durch eine andere Brille und entwickeln neuartige Lösungen für herausfordernde Situationen.

Lehrer*innen finden Wege, die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler mit den schulischen Anforderungen zu verbinden.

In der Zusammenarbeit von Fachkräften verschiedener Dienste schaffen die Bilder eine gemeinsame Wahrnehmung und eine gemeinsame Sprache.

Kinder und Jugendliche entwickeln mehr Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit, was sich positiv auf ihre Weiterentwicklung auswirkt.

Welche Wirkungen werden mit VHT erzielt?

Die Anwendung der Elemente der Basiskommunikation schafft die Grundlage für ein gelungenes Miteinander. Allen Menschen hat die Natur diese Fähigkeiten mitgegeben, sie sind jedoch kontextbezogenen Einflüssen ausgesetzt.

Wird durch das wechselseitige Aufeinander-Eingehen in kurzer Zeit die Abstimmung der Personen erreicht, schwingen sie miteinander, was auf dem Bildern in der Synchronizität der Bewegungen zu sehen ist. Dieser sehr angenehme Flow-Zustand macht es in der Familie möglich, die Kinder entspannt zu lenken und zu leiten, im professionellen Kontext verbessert sich die Qualität der Kooperation.

Die positiven Bilder rufen im Gehirn die Ausschüttung von Botenstoffen hervor, die zu einem Wohlgefühl, zur Motivation und einer Festigung der augenblicklichen Beziehung führen.

Gleichzeitig sind sie Modell für das erfolgreiche Lösungsverhalten. Man lernt aus den Bildern am eigenen Modell.

Das selbständige Entdecken der Antworten auf ihre Fragestellung in den Videobildern ist für die Klienten ein AHA- Erlebnis, das für sie auf angenehme Art und Weise die „Gute Gestalt“ schließt. Entspannung und Zuversicht sind die Folge.

Die VHT-Beratung wird zu einer rundum positiven und motivierenden Erfahrung, die die VHT-Fachkraft mit einschließt.

Was ist Basiskommunikation?

Basiskommunikation ist die natürliche gelungene Kommunikation zwischen Menschen. Sie ist bereits ab der Geburt in der frühen Mutter-Kind-Kommunikation sichtbar. Kinder ergreifen stets  Initiativen, um mit den Bezugspersonen in Kontakt zu kommen. Eltern haben darauf ein Antwortverhalten, die sogenannte Responsivität. Eltern und Kinder kommen so in einen wechselseitigen Austausch, der die Bindung festigt und die Entwicklung des Kindes fördert.

Diese frühen Kontakte prägen Menschen lebenslang in ihrem Kommunikationsverhalten und ihren Beziehungsmustern. Je gelungener die erfahrene Kommunikation war, desto stabiler sind Bindungsfähigkeit, emotionale Stabilität und Kooperationsfähigkeit.

Dies gilt in allen Lebenskontexten, in denen Menschen kommunizieren und miteinander handeln.

Colwijn Trevarthen, Lehrstuhlinhaber für „Child Psychology and Psychobiology“ an der Universität Edinburgh erforschte diese Kommunikationsmuster Ende der 1970er Jahre und brachte sie anhand von Videoaufnahmen in ein System einzelner erfolgreicher Elemente.

Harrie Biemans, Begründer der SPIN-Methode „videohometraining“ in den Niederlanden, übernahm dieses als eine wesentliche Säule des VHT und als Systematik  für die Bildanalyse.
Es geht um kleinste Elemente, die in Sekundenbruchteilen wirksam werden: Aufmerksam sein, Zuwenden, Blickkontakt, freundliches Gesicht, freundliche Stimme, freundliche Körperhaltung, einander zuhören und den Empfang bestätigen, um sich aufeinander einzustimmen.

Warum wird beim VHT an positiven Videoausschnitten gearbeitet?

Videosequenzen, die gelungene Basiskommunikation und erfolgreiches Situationsmanagement (z.B. Sitzordnung) enthalten, zeigen den Klienten „wie es geht“ und dass sie „es“ bereits können. Da die Kommunikationsmuster in Sekundenbruchteilen auftreten, sind sie auf jeder Aufnahme erkennbar. VHT-Fachkräfte finden immer gelungene Momente, die sich für den Aufbau von erfolgreicher Kommunikation nutzen lassen.
Wenn es Probleme gibt, ist die Wahrnehmung fast immer auf die negativen Momente fixiert. VHT macht die „Ausnahmen“ sichtbar und zeigt, welche Ressourcen bereits vorhanden sind und wie erfolgreiches Verhalten aussieht. Diesem können die Klienten nacheifern und sich selbst als Modell nehmen.

Kann man mit positiven Bildern auch Konflikte bearbeiten?

VHT nutzt ein pragmatisches Konfliktbearbeitungsmodell, das darauf beruht, dass Menschen sich im Konfliktfalle erst wieder aufeinander einstimmen müssen, bevor sie Lösungen erarbeiten können.
Es geht in erster Linie darum, den jeweils anderen in seinen Absichten wahrzunehmen, zu verstehen und dies auch zu kommunizieren. Mit Bildern von Momenten gelungener Abstimmung und Synchronizität kann dies unterstützt werden.

Welche wissenschaftliche Theorie liegt dem VHT zugrunde?

Als methodischer Ansatz, der in der Praxis entstanden ist, hat VHT keinen einheitlichen Theoriebezug. Die Arbeitsweise wird jedoch unterstützt durch Erkenntnisse der humanistischen Psychologie, insbesondere der positiven Psychologie, der Systemtheorie und der Neurowissenschaften. Es finden sich Ansätze wieder wie:

1. Die Erkenntnisse der Humanethologie, insbesondere die Theorie der „Intersubjektivität“ von C. TREVARTHEN (1979). Von ihr werden die Muster der Basiskommunikation abgeleitet.

2. Die neueren neurowissenschaftlichen Erkenntnisse (SPITZER, HÜTHER, BAUER). Durch sie wird die Wirkung von Bildern auf Gefühle und Handlungsbereitschaften von Menschen belegt.

3. Die soziale Lerntheorie von BANDURA, hier vor allem das „modeling“, das Lernen am Modell. VHT praktiziert eine Sonderform des modeling: Das Lernen am eigenen Modell.

4. Das Video Self Modeling und Feed Forward von DOWRICK (2003), Lehrstuhlinhaber für „Disability Studies“ der Universität Hawaii.

5. Die Bindungstheorie (GROSSMANN, BRISCH)

6. Die Entwicklungspsychologie

7. Die Systemtheorie (vorwiegend DE SHAZER)

8. Traumapädagogische Ansätze

9. Der Ansatz des Empowerments (RAPPAPORT 1985)

Welche Haltung steht hinter der Arbeitsweise des VHTs?

  • Ressourcenorientierung und Empowerment
  • Lösungsorientierung statt Problemorientierung
  • Wertschätzung: Jeder Mensch gibt immer das Beste, das ihm gegenwärtig zur Verfügung steht.
  • Problematische Verhaltensweisen sind Lösungsversuche, die noch nicht zum Ziel geführt haben.
  • Leitfrage: „Was will das Kind, was braucht es in der Situation von dem jeweiligen Interaktionspartner?“
  • „Verstehende“ Haltung statt distanziert-diagnostischem Blick.
  • Systemische Grundhaltung mit Beachtung der zirkulären Beeinflussung in Systemen.

Wie wird mit dem Datenschutz umgegangen?

Die Videoaufnahmen sind Eigentum der Klienten. Sie werden nur zum Zweck der Beratung eingesetzt und in dieser Zeit sicher aufbewahrt. Am Ende der Beratung wird ihnen das Videomaterial übergeben. Wenn sie nicht alles haben wollen, wird der Rest – auf Wunsch in ihrem Beisein – gelöscht.

Sollen Videoaufnahmen zu Präsentations- und Vortragszwecken genutzt werden, bedarf es des schriftlichen Einverständnisses aller Personen, die darauf abgebildet sind bzw. ihrer Erziehungsberechtigten.

Für das Einholen des Einverständnisses zum Filmen sind die jeweiligen Träger der Maßnahme zuständig. Liegt das Einverständnis nicht vor, darf diese Person nicht auf den Aufnahmen erscheinen oder muss unkenntlich gemacht werden.

Wird das VHT im Rahmen einer Maßnahme der Jugendhilfe durchgeführt, ist mit der Zustimmung zum VHT das Einverständnis zu Filmen gegeben. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann sich das Einverständnis noch einmal ausdrücklich schriftlich geben lassen.

Was kostet ein VHT?

VHT wird in Einheiten von Aufnahme plus Rückschau berechnet. Hinzu kommen das Erstgespräch und die Abschlusssitzung sowie gegebenenfalls die Teilnahme an Hilfeplangesprächen.

Im Kontext der Jugendhilfe wird nach Fachleistungsstunden abgerechnet, bei der VHT-Beratung von Fach-und Führungskräften werden entsprechende Honorarverhandlungen geführt. Hinweise könne die einzelnen Landesverbände geben.

Wo finde ich eine VHT-Fachkraft?

SPIN-DGVB e.V. verfügt bundesweit über ca. 1000 voll ausgebildete Fachkräfte in sechs Landesverbänden. Sie können über die Landesverbände erfragt werden. Auch der Bundesverband gibt Auskunft unter den Telefonnummern 08062-5275 oder 02228-9124300. Nutzen Sie auch das Kontaktformular.